FSV Optik Rathenow vs. BFC Dynamo 1:2 (0:1)

12. Spieltag

07. NOVEMBER 2009


Tschüss, Rathenow…

Nun war es endlich wieder soweit. Nach 2 überzeugenden Siegen gegen den bisherigen Angstgegner Torgelow und den Aufsteiger Malchow sollte es am 12. Spieltag nun in das Berliner Umland zum FSV Optik Rathenow gehen. Die Spiele gegen diesen sportlichen Gegner waren ja bisher durchweg harte Brocken. Und Rathenows bisherige Bilanz in dieser Saison konnte sich auch wieder durchaus sehen lassen. Immerhin hatte man auswärts gegen die Nachwuchskicker aus der Lausitz gewonnen und gegen den Tabellendritten Neustrelitz ein Unentschieden geholt. Dazu noch die wenigsten Gegentore der Liga beförderten Rathenow auf einen guten 4. Platz. Grund genug für uns, die Sache konzentriert und vorsichtig anzugehen.
Rathenow – Stadt der Optik und offizielle Partnerstadt des im Moment etwas, sagen wir,  unglücklich agierenden Erstligavereins aus Berlin liegt ja von meinem derzeitigen Exilaufenthalt Brandenburg an der Havel nur 30 km entfernt. Meine ständige Missionarsarbeit hier trägt nun langsam erste Früchte, so dass wir uns schließlich zu dritt in die Nachbar“stadt“ aufmachten. Die Sonne schien und es war ein wunderschöner Herbsttag, der so gar nicht zum Monat November passen wollte - einfach Dynamowetter. Das ließ die heimlichen Hoffnungen auf einen Sieg noch höher steigen. Erinnerte ich mich doch an das Spiel in Rathenow vor fast einem Jahr, das wir an einem wirklich ekligen, nasskalten Novembertag 1:0 verloren.
Das regionalligataugliche Stadion „Am Vogelgesang“ macht seinem Namen alle Ehre, ist es doch ob seiner idyllischen Lage neben dem Wolzensee und umgeben von urwüchsigen Wäldern sicher die naturbelassenste Spielstätte der Oberliga.
Neben dem (Feld)Weg zur Spielstätte sah man überall im Wald versteckt grüne und grünweiße Fahrzeuge. Offenbar fürchtete man um die Sicherheit der etwa 500 weinrot – weißen Unterstützer (neudeutsch Supporter) und erwartete Provokationen und Ausschreitungen seitens der 250 anwesenden Heimzuschauer. Ich fühlte mich aber ob der Polizeipräsenz sofort sicherer.
Im Stadion angekommen hatte man am Gästeeingang für uns 3 Damen postiert, die DDR – Kinokarten auf graublauen Recyclingpapier als Eintrittskarten verkauften. Nach Erwerb einer solchen Karte wurde ich von einem älteren einheimischen Ordner sanft am Rücken abgetastet, um anschließend mit einem Klaps auf den Po und den Worten „Ick wünsch dir viel Spaß“ in das Innere der Arena eingelassen zu werden. Wie er das meinte, weiß ich nicht, aber eh ich mir darum weitere Gedanken machen musste, sah ich, dass es meinen Nachfolgenden nicht besser erging. Aber er hätte bei mir eh keine Chance gehabt, ich mag Frauen irgendwie mehr. Apropos Frauen, unsere zahlreiche Fanclublandschaft hat mit dem „Büchsengeschwader“ einen neuen, rein weiblichen Ableger bekommen. Herzlich willkommen!
Nachdem wir ja letztes Jahr in Rathenow im Schlamm hinter dem Tor stehen mussten, hatte man in Optikstadt inzwischen auf der Gästegerade neben dem original DDR – Stadionsprecherhäuschen Betontreppen errichtet und einen neuen Zaun gezogen. Allerdings nur bis zur Spielfeldmitte, offenbar hatte man sich auf den Oberligagästedurchschnitt eingestellt und nicht mit einer so großen Zahl Auswärtsfans gerechnet. Das erklärt auch das Vorhandensein von exakt 2 Dixieklos für 500 Leute. Am Imbiss- und Getränkestand sah ich auf einem elektrischen Grill von ca. 50 x 30 cm wenige Bratwürste vor sich hinbrutzeln, die gar nicht so schnell fertig werden konnten, wie der hungrige  Gast nach ihnen verlangte. Solidarisch verzichtete ich zugunsten der weitergereisten auf den Erwerb einer dieser halbrohen Delikatessen. Im Getränkezelt lief alles schön ruhig ab, aber ich war happy, denn erstens haben wir auf eine Cola und ein Radler nur 5 Minuten gewartet und zweitens war Dynamowetter. Und außerdem hatte ich es (berufsbedingt) im Urin, dass wir heute gewinnen.
So nahmen wir dann unsere Plätze im Block ein und warteten auf den Anpfiff.  Bei  der Modernisierung des Stadions hatte man unglücklicherweise vergessen (oder es ob der durchschnittlichen Gästezahlen als nicht notwendig erachtet), auf der Gästeseite Lautsprecher anzubringen, so dass man von den Sachen wie Mannschaftsaufstellung etc. nichts verstand. Machte aber auch nichts,  denn als derartige Widrigkeiten gewohnter BFC – Fan erkennt man jeden unserer im Moment so klasse Fussball zelebrierenden Spieler auch aus weiter Entfernung.  Das Spiel stand unter der Leitung des Schiedsrichters Barsch aus Wismar (das wusste ich schon, auch das konnte man der  Ansage des Stadionsprechers leider nicht entnehmen), an den ich aus den bisherigen Spielen eine weniger gute Erinnerung hatte. Naja, aber man lässt sich ja gern eines Besseren belehren, so wie auch in Torgelow. In den Reihen der Rathenower fand sich auch ein alter Bekannter – Till Wedemann, der ja mal einige Zeit bei uns spielte, sich aber (leider) nicht durchsetzen konnte und auch aus beruflichen Gründen jetzt wieder im Havelland kickt.
Unsere Mannschaft spielte heute wieder in unschuldigem Weiß und zunächst mit der tief stehenden Sonne. Außer Oumari, der verletzungsbedingt aussetzen musste und für den diesmal  Tony Ullrich von Beginn an spielte, vertraute Backe der Stammelf der letzten Spiele. Unser Mannschaftskapitän hatte seine 5. Gelbe im Spiel gegen Malchow abgesessen und spielte an angestammter Position, dafür rückte Petrowsky wieder in die Innenverteidigung.
Mit dem Anpfiff übernahmen schnell die Hausherren die Initiative und begannen ein druckvolles, schnelles Spiel, das den Ball über wenige Stationen schnell in unsere Strafraumnähe brachte. Der BFC hingegen agierte sehr vorsichtig und zum Teil für mich auch nervös. Die daraus resultierenden Abspielfehler wurden von den Optikern immer wieder genutzt – aber glücklicherweise nicht bis zum Torerfolg. Allerdings war uns hier auch Fortuna hold, denn nach 12 Minuten und einer gut getretenen Ecke konnte der Ball von Tony Ullrich auf der Linie gerettet werden, den Nachschuss hatte Motsche dann sicher. Vorher zischte schon ein Freistoß von Scholz knapp am Gehäuse vorbei. Im weiteren Verlauf kamen wir langsam besser ins Spiel und es wurde ausgeglichener, wobei richtige Chancen auf beiden Seiten von der Verteidigung jeweils nicht zugelassen wurden und das Spiel vorwiegend im Mittelfeld ablief. Nur bei schnellen Vorstößen wurde es auf beiden Seiten gefährlicher, wobei Rathenow deutlich höheren Aufwand betrieb, ohne dass daraus ein Treffer resultierte. Seitens des Ruhmreichen waren es vor allem Maxe Gerhard und Kurbel, die gut miteinander harmonierend abwechselnd das Spiel nach vorn schnell machten. Dennoch dauerte es bis zur 35. Minute, dann war es soweit. Ein klasse Pass (von Patsche oder Kurbel, genau weiß ichs nicht) über das halbe Spielfeld auf die andere Seite findet Karaduman als Abnehmer, der 2 Gegenspieler stehen lässt und schon fast am gegnerischen Keeper vorbei ist, als er von diesem kurz vor dem Abschluss zu Fall gebracht wird. Klarer Elfer, auch wenn das, wie ich heute hörte, auf der Rathenower Tribüne naturgemäß völlig anders gesehen wurde, was sich in wüsten und politisch sowie persönlich nicht korrekten Beschimpfungen in Richtung unserer Nummer 23 äußerte.
Wie dem auch sei, Elfmeter für uns und Gelb für Sengespeick. Erdil packte sich nach einigen Diskussionen und Querelen im Strafraum den Ball zurecht, lief an und verwandelte, obwohl Sengespeick glaub ich noch die Fingerspitzen dran hatte. 0 – 1 und die bisher schon gute Stimmung bei uns fand ihren ersten Höhepunkt. Alles, was das Liedrepertoire so hergab, wurde angestimmt und schallte aus den umliegenden Wäldern lautstark zurück. Die Stimmung auf der Heimgeraden hingegen sank rapide und die zu Beginn noch hörbare Trommel verstummte plötzlich. Dafür lief das Rathenower Trainerurgestein Kahlisch immer aufgebrachter an der Linie auf und ab. Allein, es nützte nichts, mit der Führung gings in die Pause.
Nach dem Seitenwechsel kam Stosno für den nach einem einfachen Foul an Wedemann in der ersten Hälfte gelbverwarnten und im weiteren Verlauf zunehmend gelb – rot gefährdeten Petrowsky in die Innenverteidigung. Das Spiel hatte noch nicht richtig begonnen, da erkämpfte sich Karaduman einen eigentlich fast verlorenen Ball am gegnerischen Strafraum, passt zurück auf Spork, der flankt in die Mitte. Und im Gegensatz zu unserer Abwehr, die immer ein Bein schneller war, trat der Rathenower Abwehrspieler Leroy ein Luftloch. Dafür bedankte sich Patsche, die mutterseelenallein in der Mitte des Strafraums auf genau diesen Ball wartete und schob absolut cool zum 0-2 ein. Ein geiles Tor, gefolgt von jenem eigenwilligen Torjubel, den wir in Torgelow schon sahen. Unser Block tobte derart, dass man auf der anderen Seite fürchtete, es würden noch 1000 andere im Wald stehen.
In selbigen mussten die Spieler übrigens auch immer fast gehen, um den Ball zu holen, denn Balljungs gabs in Rathenow noch nie. Die Wege sind zum Teil beträchtlich, denn direkt hinter dem Tor beginnt eine renaturierte, hügelige und mit niedrigen Gehölzen besiedelte waldnahe Staudenflur – Lebensgemeinschaft. Glücklicherweise besteht im November keine sehr große Gefahr, beim Ballholen in einem Oberligaspiel versehentlich das Gelege einer geschützten, seltenen bodenbrütenden Vogelart zu zerstören. Und wir haben dazu auch keine Chance mehr, denn nach Patsches Tor stand für uns fest: Nie wieder Rathenow, schalalalala….
Jetzt war der Gastgeber doch konsterniert, hatten sie doch nach vorne ohne Erfolg viel gemacht, um im Gegenzug 2 Dinger zu fangen. Unser Spiel wurde mit der 2 – Tore – Führung zusehends sicherer und der Ball lief schnell durchs Mittelfeld nach vorne. Und wieder war es Karaduman, der den Ball steil zugepasst bekam, den Keeper umlief und einschob. Leider sah der Linienrichter aus irgendeinem Grund eine Abseitsposition. Offenbar hatte er die Seiten verwechselt, denn Karaduman befand sich gut einen Meter nicht im Abseits. Aber seis drum, unser Spiel war sicher, schnell und wie das Wetter – einfach schön anzusehen. Leider fehlte die letzte Konzentration im Abspiel, denn hätten wir hier das 0-3 gemacht, wär das Spiel gelaufen. So blieb Rathenow immer noch gefährlich, gab sich nicht auf und kam mit schnellen Kontern auch immer wieder in Strafraumnähe. Aber halt nur bis dahin, denn unsere Abwehr ließ nichts mehr zu. In den letzten 10, 15 Minuten hatte sich der Gastgeber dann wieder mehr gefangen und konnte aus seinen Kontern zumindest Standards herausschlagen. Eine Ecke war es dann auch wieder, die von Motsche erneut auf der Linie mit einem sagenhaften Reflex mit dem Fuß entschärft wurde. Auf der anderen Seite hatte Preiss, der nach der Auswechslung von Wienbreyer für den wieder klasse aufspielenden und sich verausgabenden Karaduman in die Spitze gerückt war, die Riesenchance zum weiteren Treffer, traf aber aus 5 Metern direkt den Torwart. Der Nachschuss wurde von  einem Verteidiger geblockt und der auf die nachfolgende Flanke schon fast im Tor befindliche Kopfball wurde vom Keeper gefangen. So ein Pech.
Dafür hatte ein anderer Spieler seinen Auftritt des Tages. Nach einer guten Flanke von der rechten Strafraumseite kommt der Ball halbhoch zum Rathenower Zielke, der mit dem Rücken zum Tor steht und den Ball mit einem einwandfreien und für alle anderen 21 Akteure und das gesamte Publikum überraschenden Fallrückzieher ins rechte Dreiangel bugsiert. Alle Achtung, da wurde auch in unseren Reihen Bewunderung laut. Und letztlich war es der verdiente Anschlusstreffer für Rathenow. Die letzten Minuten des Spiels gingen dann in unserem Jubel unter. Der bis dahin nicht ganz so schlimm wie befürchtet agierende Schiri verlor etwas den Überblick, denn unser Einwechselspieler (ich glaube Kiwi) stand gute 3 Minuten an der Linie, wurde aber irgendwie mehrfach übersehen. Dann der Abpfiff und wir hatten bei Dynamowetter ein schweres Spiel clever und letztlich auch etwas glücklich gewonnen. Denn ein Unentschieden wäre durchaus dem Spielverlauf angemessen und auch ein Rathenower Sieg möglich gewesen. Und ich bin mir sicher, dass wir in der letzten Saison dieses Spiel auch nicht gewonnen hätten. Das wir der Sieger waren, liegt sicher zum einen an der individuellen Klasse des Kaders. Aber viel wichtiger ist der Zusammenhalt im Team, der unbedingte Siegeswillen, das unermüdliche Kämpfen um jeden Ball und eine gute Mischung aus Erfahrung und jugendlichen Eifer. Respekt und Danke für Mannschaft und Trainer, so macht es Spaß, zum BFC zu gehen. Und belohnt wurden wir nicht nur mit dem Sieg, sondern dank der Patzer von Neustrelitz bei den Füchsen und noch wichtiger der (wohl eher von nem Trainerwechsel als der von uns ausgesetzten und in den nächsten Tagen einzulösenden Siegprämie von 13 Kästen Bier motivierten) Pleite von Cottbus bei Falkensee sind wir nun das erste Mal und verdient auf Platz eins der Tabelle. Und so passte alles zusammen, das Wetter, das Spiel, der Sieg, die Tabellenführung.
Zum Abschluss gabs noch eine Uffta, nachdem Klasen irgendwie (es ist mir wirklich ein Rästel) den Zaun erklommen hatte, abrutschte und trotzdem, noch im Fallen, ein U und ein F und noch ein F verlangte. Wir feierten mit der Mannschaft diesen Sieg, uns, den BFC und verabschiedeten uns von unseren Gastgebern mit dem Lieblingslied der BFC – Oberligaabschiedstour, angepasst an den jeweiligen Gastgeber. Also an diesem Tag: Nie wieder Rathenow, schalalalala….

Tschüß, Rathenow und weinrot – weiße Grüße!

Statistik

FSV OPTIK RATHENOW:
Martin Sengespeick, Sasan Gouhari, Mathias Lettow, Jerome Leroy, Anil Aslan, Slim Jaballah (64. Daniel Pfefferkorn), André Zielke, Patrik Scholz, Sven Becker (46. Marten Müller), Dogukan Topuz (64. Dejan Kalan), Till Wedemann. Trainer: Ingo Kahlisch

BFC DYNAMO:
Nico Thomaschewski, Tobias Kurbjuweit, Daniel Petrowsky (46. Christopher Stosno), Amadeus Wallschläger, Tony Ullrich, Kadir Erdil, Guido Spork, Max Gerhard, Christian Preiß, Nico Patschinski, Firat Karaduman (86. Julian Wienbreyer). Trainer: Christian Backs

TORE:
0:1 Kadir Erdil (Foulelfmeter, 35.); 0:2 Nico Patschinski (49.); 1:2 André Zielke (90.)

SCHIEDSRICHTER:
Enrico Barsch (Wismar) - Assistenten: Andreas Streich (Rostock), Alexander Rau

Zuschauer:
800 (darunter ca. 500 BFCer)

Gelbe Karte:
Martin Sengespeick / Daniel Petrowsky