Spielbericht
FC Hansa Rostock II - BFC Dynamo
14.04.2007
Der Tag der einen Farbe
Was treibt den gemeinen BFC-isten trotz aller Rückschläge der vergangenen Zeit immer wieder dahin, wo es weh tut? Es ist die Hoffnung, es ist die Zuversicht und vor allem ist und bleibt es die unverbrüchliche Treue zum BFC Dynamo. Im Volksmund steht für die Treue die Farbe Blau. Allerdings auch für Verzweiflung und verlorene Illusionen. Wie nah doch bisweilen ungewollte Zufälle liegen können.
Zum wiederholten Male fanden wir uns also auf´m Parkplatz vor der Dynamohalle ein, ein unerschütterlicher Haufen von 40 Bus-geilen Freaks. Die Sonne schien, es sollte ein wundervoller Frühlingstag werden an diesem Samstag, den 14. April 2007. Heute ging es nach Rostock zu Hansa´s zweiter Garnitur. Der Himmel über uns strahlte im schönsten blau. Da es in dieser Saison schon die dritte Auswärtsfahrt mip´m Bus werden würde, hatten sich alle inzwischen hochprofessionell vorbereitet. Ein Reiseleiter mit dem obligaten Schirm, damit keines der BFC-Schäfchen verloren gehen konnte. Ein Herr samt weiblichem Anhang ausreichend bevorratet mit überaus leckerer Fruchtbowle, unsere Fanmutti mit Myriaden edelster Bouletten, Kuchen und Likörchen ausgerüstet und ein Haus- und Hoffotograph. Ansonsten waren alle reichlich mit Fressalien und flüssigen Nahrungsmitteln bepackt. Später sollten im Bus noch tonnenweise Hackfleisch auftauchen, schon leicht angebläut, aber lecker.
Nur einer war der Situation absolut nicht angemessen erschienen, der Busfahrer. Unser lieber Holgi, schon von Torgelow bekannt, kam mit Krücken. Fahren sollte ein geschätzt 18-jähriger. Na wenigstens einer, der nicht wichtig war, aber sich so fühlte. Holger saß daneben und durfte sich stundenlang alle Weisen des ruhmreichen BFC und der DDR anhören. So konnte es losgehen. Die ersten Minuten im Bus trudelten so vor sich hin, ein jeder war damit beschäftigt, sich seinen Nebenmann genau einzuprägen. Nicht unklug, bei dem was noch kommen sollte.
Die Meute im Bus begann dann nämlich, sich dem gepflegt kulturellen Leberschädigen hinzugeben. Vorher wurden noch blaue Badekäppchen verteilt, warum auch immer. Wurde aber überraschend kritiklos angenommen. Mann, sahen wir schnieke aus. Nach einiger Zeit, ich bin ehrlich, nach einer halben Stunde durften wir den ersten Striptease miterleben. Blaue Schrift auf rasierter Brusthaut. Und dann auch noch als Schleichwerbung für eine längst vergessen geglaubte Nähmaschinenmarke aus Dresden verpackt. „In vino veritas“, „Im Weine steckt die Nähmaschine“, ja schon klar! Es entwickelte sich ein stetes Wettkampfgetümmel. Busreisende versus Hoch- und Niederprozentiges. Letzteres verlor. Im Zuge dessen durften wir noch einen Aufnahmeritus für eine obskure Fansekte miterleben, die steten „Z“ulauf erhält.. Unsere erste und einzige Rast fand statt, irgendwo. Wir ließen uns vom Hoffotographen für alle Ewigkeit ablichten, nicht ohne dabei gehörig Rabbatz zu machen und die einschlägig bekannten Raststättennutzer (Durchschnittsalter 65 plus, Durchschnittsauto VW Vento minus) zu vergraulen. Kulturschock kostenfrei! So langsam spürten wir die salzgeschwängerte Seeluft, oder waren es die maskulinen Ausdünstungen des Nähmaschinenbewerbers?
In Rostock angekommen das immergleiche Ritual. Wir wurden zum Stadion geleitet. Wir lernten, daß Polente nicht nur grün, sondern jetzt auch blau sein darf, zumindest die Fahrzeuge. Das Spiel gegen Hansa Rostock´s zweite Mannschaft fand leider nicht im „Ostsee-„ , sondern im „Volksstadion“ statt. Den Namen Stadion empfand ich dann doch eher als zu dick aufgetragen. Nicht alles, was durch einen aufgeschütteten Wall abgegrenzt wird, ist ein Stadion. Oder sind Hiddensee und der Darß Fußballtempel?
Sei es drum, gut vorbereitet schienen unsere Gastgeber auf den ersten Blick zu sein. Die übliche Leibesvisitation wurde überaus ernst genommen. Kippenschachtel auf, Kippenschachtel zu. Filmdose auf, Filmdose zu. Handytasche auf, Handytasche zu. Ein einziges Auf- und Zugemache.
Die zweite zu umschiffende Klippe war das Anhängen des Transparentes. In Begleitung eines und unter den debil wirkenden Blicken der anderen 20 Ordner vor Ort, ging auch das über die Bühne.
Die dritte Klippe war unüberwindbar. Beim Getränkewagen schlugen die Wellen hoch, wie bei einer Sturmflut. Es gab kein Bier. Wenn sie schon keinen leckeren Gerstensaft haben, hätten sie durchaus „Rostocker Pils“ als Alternative auffahren können. Ich für meinen Teil fand es nicht schlimm. Es waren ja eh der größte Teil der BFC-er blau.
Die vierte Klippe war eine Visuelle. Eingezwängt in einen Käfig, sollten wir uns nun einen Schädel machen, wie wir das durch den Zaun gepixelte Spiel für uns individuell zusammensetzen. Es gelang halbwegs.
Das Spiel begann pünktlich. Die Sonne knallte uns auf die Ommen, ich fand endlich eine sinnvolle Verwendung für die blaue Badekappe, viele andere auch. Für die spärlich vorhandenen Rostock-Anhänger bestimmt eine nie zu beantwortende Frage, warum die Berliner Hauben in ihren, den Rostocker, Vereinsfarben aufhaben. Jetzt könn wa es ja verraten: als bösester Stasiclub ist alles nur perfide Verschleierungstaktik.
In den ersten Minuten des Spiels gelang unserer Mannschaft ein guter Einstieg in die Partie. Rostock drückte zwar, allerdings konnten sie keinerlei nennenswerte Chance herausspielen. Unser Team kam überraschend schnell ins Spiel, nach einer viertel Stunde war das Match ausgeglichen. Die erste Tormöglichkeit eröffnete sich den weißen Weinroten. Nach 20 Minuten hätte Jako ´ne Bude machen können, wurde aber dran gehindert. Unsere Hoffnung stieg. Es folgten im Minutentakt Chancen auf beiden Seiten, das Spiel entwickelte sich zu einem für Oberligaverhältnisse wahren Schmankerl. Vor allem Dennis Kutrieb und Christian Ritter ragten als gefährliche Spieler heraus. Mehrfach wurde das Ritterlein allerdings sträflich allein gelassen, auch wenn er die einzige nominelle Spitze war, nicht zu entschuldigen. Ich erinnere mich an 3 Szenen in der ersten Hälfte, wo er aufs Tor zurennt und der Rest der Mannschaft sich an der Mittellinie versammelte und zusah. In der zweiten Hälfte wurde dies definitiv besser.
Nach 30 Minuten waren am Getränkestand die AFG´s alle, die Würste kalt und labberig. Das war der zweite Blick auf die Vorbereitung der Gastgeber für den BFC-Anhang. Nur gut, daß Etliche Blaukappen um das Stadion zogen und durch den Zaun die dürstende Menge versorgte. Es wurde sogar ein Hol- und Bringeshuttle vom Fußballplatz zum örtlichen „NETTO“ eingerichtet. Fanarbeit vom feinsten eben.
Mit verdorrten Kehlen mussten wir das 0:1 hinnehmen. Nach einer Flanke köpfte irgendwer der Blauhemden ein. Aber wir sahen Hoffnung, noch immer. Unsere Männer rackerten und kämpften, eroberten Bälle, spielten gefällig und bisweilen gefährlich nach vorne. Bestes Beispiel ein Schuß von Dennis Kutrieb, von „seiner“ Position, halbrechts von der Strafraumgrenze, leider knapp vorbei. Aus dem Nichts dann in Minute 39 das 2:0 für die Fischköppe. Es fiel nach einem Gewurschtel im Strafraum, Motche hechtete hin und her, konnte im Endeffekt aber nüscht machen. Nun waren wir bedient. Aber unsere Reaktionen waren nicht mit denen der letzten Spiele zu vergleichen und das auch zurecht. Die Mannschaft ließ sich in keiner Phase entmutigen, es ging weiter aufs Rostocker Tor. Also würdigten wir dies und trieben sie nach vorne. Mit Erfolg. Nach einer feinen, ja herrlichen, Koproduktion der bereits erwähnten Ritter und Kutrieb konnte Christian einschieben. Klasse heraus gespieltes Tor in der 44.Minute! Nach dem üblichen Geknuddel in unserem Block hatten wir uns noch gar nicht richtig losgelassen, da fiel das 2:2, unglaublich! Ein Freistoss, geschätzte 20 Meter vom Rostocker Tor entfernt von halblinks durch Dennis Kutrieb getreten, segelte so vor sich hin, um im entscheidenden Moment sich zur Zwischenlandung einen Rostocker Scheitel zu erwählen. Gesagt, getan. Gelandet, aufgeditscht und „...hui...“ über Freund und Feind ins eigene Tor. (45. Minute) Unser Jubel war grenzenlos. Dieser Ausgleich war mehr als verdient.
Die zweite Hälfte begann, wie die erste endete. Unser BFC spielte auf ein Tor. Die Blauen irrten auf dem Feld umher, sie sahen keinen Stich. Zu souverän agierte unser BFC. Und wieder häuften sich die Chancen. Unter anderem von Micha S., die größte hatte allerdings Alexander Jakowitz zirka 5 Minuten nach Wiederanpfiff. Alleine auf den Rostocker Schlussmann zulaufend wollte er lupfen. Schöner Versuch, nur 2 Meter vor dem Goalie eher nicht so clever. Und wie der Fußball so spielt, das Phrasenschwein würde grunzen: „So was rächt sich, wenn man die eigenen Dinger nicht rein macht, oink!“, fiel fast im Gegenzug nach einem Freistoß das 3:2 für die Hausherren (52. Minute). Grad so mit den Fingerspitzen rein gemacht die Murmel. Der fette Argentinier mit Fidel-Manie hätte es nicht besser machen können. Jeder sah es, nur der Schiedsrichter nicht. Auweia, da ist es, das böse Wort zum Samstag: Schiedsrichter...! Er pfiff unter aller Würde. Etliche Entscheidungen mussten sogar dem Anhang der Hanseaten einen Schmunzeln in die Gesichter zaubern. Ein Beispiel: Christian Ritter steht alleine vorm Tor, schießt über den Kasten. Der Ball ruhte schon fast wieder beim Rostocker Torwart, da grätschte von hinten ein Blauhemd heran und mit Schmackes in die Knochen. Was macht der Referee? Abstoß pfeifen. Schon richtig, aber für so einen Angriff von hinten hat er eine gelbe Karte zu zeigen, unabhängig davon, ob der Ball im Spiel ist oder nicht. Mehrfach dachte ich, die Linienrichter winken sich nur zu, aber weit gefehlt. Abseits wurde angezeigt, bevor der Ball überhaupt den Passgeber verlassen hatte, und das nicht nur einmal. Bei diversen harmlosen Rangeleien wurden ausschließlich BFC-Spieler zum Gespräch gebeten. 5 mal Gelb und einmal Gelb-Rot für Micha S. (85. Minute) sprechen für sich und gegen den feinen Herren Schibull, der in scheinbar blaublütiger Gutsherrenmanier auf das Spiel einwirkte. Es war übrigens ein sehr fairer Schlagabtausch.
Nach dem erneuten Rückstand zog sich Hansa zurück, unser BFC machte das Spiel. Und was für eins. Schöne Spielzüge, viel Verständnis untereinander und ein unbedingter Wille, das Spiel noch einmal herumzureißen waren klar erkennbar. Und somit die Handschrift von Volkan Uluc, denke ich. Hervorzuheben ist noch Robert „Pocke“ Pocrnic. Wie er aus der Abwehr heraus die Mannschaft antrieb und nach vorne peitschte, nötigt viel Respekt ab. Überhaupt unsere Abwehr. Sie stand sehr sicher, bei den 3 Toren hat sie geschlafen, keine Frage. Aber keines der Gegentore fiel aus dem Spiel heraus, für mich ein klarer Fortschritt.
Leider wurde dann abgepfiffen und wir stehen nun wieder ohne Punkte da und sogar noch um einen Tabellenplatz schlechter. Nach der Leistung in Rostock heißt es nun ganz klar, darauf aufzubauen und am kommenden Wochenende gegen Türkiyemspor 3 Punkte einzufahren. Es scheint die letzte Chance zur positiven Wende zu sein. Wir verabschiedeten die Mannschaft mit Applaus in die Kabinen, verdient haben sie es sich allemal.
Die Rückfahrt im Bus verlief sehr ruhig, bis auf einige homoerotische AussetZer, war wohl Schweinehack. Wir rekapitulierten das Spiel und den Tag. Die Stimmung war ob der gezeigten Leistung unserer Mannschaft recht gut, wir sangen und lachten ausgiebig. In Berlin war der Himmel immer noch blau, 90% der Reisenden waren blau und der BFC spielt nächstes Jahr in der Oberliga. In weinrot-weiß!
Wrw
JanuszGG